CHRISMON Das Evangelische Magazin

Anfänge

"Ich kann nicht singen"

03/2010


© Gerald von Foris

Maria Rappel, 57:
Auf dem Rad ist Singen besonders schön

"Ich kann nicht singen", hatte Maria Rappel immer gedacht.
Und dass sie die Einzige sei.
Jetzt singt sie doch - und niemand lacht

"Du redst, wennst gfragt wirst" - so bin ich aufgewachsen, in Niederbayern auf dem Land. Man durfte nicht einfach so plaudern als Kind. Ich war auch sehr schüchtern. Und als ich in der Grundschule die anderen singen hörte, hab ich gedacht: Das kann ich nicht! Einen Mitschüler, der brummte, hat die Lehrerin so vorgeführt, dass ich bei der Benotung gesagt hab: Ich singe nicht. Bekam ich halt eine Sechs. In der Realschule dann hat die Lehrerin mit den "Stars" Musikunterricht gemacht. Der Rest saß da und sollte vom Zuhören lernen.
Ich hab schon gesungen, aber nur für mich. Und meiner ­Mutter hab ich Kirchenlieder vorgesungen, als sie dement war und nicht mehr in die Kirche gehen konnte. In einem ihrer ­lichten Momente hat sie mal gesagt: "Geh, man muss ja nicht alleweil beten!"
Über die Jahre wurde ich immer leiser. Zuletzt hat fast jeder gefragt: Wie bitte, was hast du gesagt? Das fiel mit dem Tod ­meiner Mutter zusammen. Vielleicht lag es daran, dass ich jahrelang unter ungeheurem Druck stand. Weil ich alles organisiert hatte für sie, mich mit Ärzten und der Krankenkasse stritt, am Anfang jedes Wochenende meinen Vater bekniete, dass er versteht, dass meine Mutter nichts dafür kann, wie sie jetzt ist, dass sie es nicht zum Fleiß tut. Es waren acht Jahre wie in einem Tunnel.
Dann sah ich diesen Flyer: "Und ich kann doch singen!", ein Wochenendkurs. Da dachte ich: Das ist es! Ich hab der Leiterin aber gleich erklärt: Wenn ich vorsingen muss, fahr ich sofort ab! Aber erst mal haben wir erzählt, warum wir hier sind. Da war zum Beispiel eine taffe Frau, eine Führungskraft, sogar ein Mann sagte, er könne nicht singen. Jeder hatte so sein Päckchen. Und ich hatte immer gemeint, ich bin die Einzige! Ich hab mich nicht als un­musikalisch empfunden, weil ich ein Rhythmusgefühl habe, ich hab ja alles Mögliche getanzt - Rock#'n'#Roll, Modern Dance, Bauchtanz, sogar Volkstanz. Aber die Stimme...
Wir haben die Wirbelsäule gestreckt, das Zwerchfell gespürt und dann mit der Sprechstimme angefangen: "Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst." Dann dasselbe psalmodierend, wie ein Pfarrer, auf einem Ton. Und dann kam ohne Vorwarnung das erste Singen, und zwar alleine! Aber da hatte die Kursleiterin es schon geschafft, uns die Angst zu nehmen. Ja, ich hab gesungen. Als Stütze nahm ich das "Fingerklavier", da zählt man die Tonabstände an den Fingern ab. Niemand hat gelacht. Da fielen solche Steine von mir ab, all die Selbstbeschränkungen! Ich hatte immer angenommen, man kann singen oder man kann es nicht, es ist was Ererbtes. Aber man kann es lernen!
Am Montag danach bin ich richtig freudig aufgestanden. Ich hatte eine andere Welt betreten, eine andere als meine Verwaltungsangestelltenwelt. Singen ist wirklich ein Lebensmittel. Und auch ein Schutz. Wenn ich jetzt zum Beispiel von meinem Vater nach Hause fahre, singe ich "Killing me softly". Dann fällt alles Schwere von mir ab. Wie wenn ich es in einen Schrank stelle.
Jetzt bin ich in einem Probierchor - "Just try it". Mein Ziel ist ja, in einem Chor zu singen. Nach all den Jahren, in denen ich für meine Mutter gekämpft hab, war ich darauf fixiert, mich durchzusetzen. Das wäre fast eine Lebenshaltung geworden. Aber wenn ich mit anderen zusammen singe, dann geht es nicht um mein Meinen und mein Durchsetzen, sondern dann muss dieser Klangkörper Chor entstehen. Ich bin einfach nur eine Stimme in dieser Gemeinschaft.
Jetzt hab ich mir ein Lied erarbeitet - "Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt ..." Das singe ich vor mich hin, wenn ich zur Arbeit radle, ich glaub, die Leute hören es gar nicht, aber vielleicht nehmen sie wahr, dass ich gut drauf bin, denn nie krieg ich so viel Lächeln! Es fragt auch niemand mehr, was ich gesagt habe. Und ich krieg jetzt öfter die Rückmeldung, dass ich so eine junge Stimme hätte. Was ich seltsam finde. Aber es freut mich doch.

Protokoll: Christine Holch